bat-studiotheater Hochschule für Schauspielkunst Berlin Ernst Busch
 
bat-studiotheater der hochschule für schauspielkunst berlin ernst busch

- P R E M I E R E -
8. Oktober 2005, 20 Uhr

WOYZECK
Georg Büchner


Es spielen Sophie Bristell, Heike Warmuth, Andreas Christ*, Philipp Engelhardt, Jorres Risse und Ronald Zehrfeld
(* Student im 4. Stj. Schauspiel)

Regie Kai Tuchmann (4. Stj. Schauspielregie)
Bühne und Kostüme Hannah Hamburger

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Georg Büchner, geboren am 17. Oktober 1813 bei Darmstadt, der junge Wilde, der ewig am Körper kranke, der ewig an der Seele kranke. Meningitis mit 20, mit 23 Typhus, der ihm um 16 Uhr am 19. Februar 1837 in Zürich das Leben nimmt. Die letzten sechs Tage plagt er sich auf dem Krankenbett, er weiß, es ist das Sterbebett. Mit Fieberphantasien. 144 Stunden, in denen er sieht wie er nach Hessen ausgeliefert und im Knast zu Tode gefoltert wird.
Er, der Verfasser des Hessischen Landboten, vor den Untersuchungsrichtern geflohen – nach Straßburg – dort mehrmals umgezogen – dann Asyl und Dozentur als promovierter Dr. phil. in Zürich. Dort fehlt es an nichts. Tags über sitzt er mit dem Skalpell, schneidet Präparate, bereitet seine Vorlesung vor. Sein Thema: Zootomische Demonstrationen. Er liest vor keinen zwanzig Studenten, nachts schreibt er. Wohl auch am Woyzeck. Woyzeck, dreizehn unleserliche doppelt beschriebene Seiten Papier. Aus Georgs Schublade – sein Bruder Ludwig – berühmter Philosoph des Jahrhunderts hielt es gar nicht für nötig, diese Fetzen in die Werksausgabe einzufügen. Seit einem halben Jahrhundert streiten sich die Philologen um diese 13 Seiten Papier. Teilen es in 4 Entwurfsstufen ein, kommentieren, transkribieren und erstellen Lesartverzeichnisse, schreiben alle zehn Jahre ein Buch über diese 13 in Weimar aufgebahrten Seiten.

Der wirkliche Woyzeck: Am 27. August 1824 fährt zum ersten Mal nach dreißig Jahren auf dem Marktplatz in Leipzig wieder ein Schwert in einen Hals. Da ist Hegels Staat als Mörder, der Strafe als Reaktion auf freie Entscheidungen versteht. Es ist der Hals des Perückenmachers Woyzeck. Das Schwert fällt in einer Zeit, wo die Menschen süchtig nach Geheimnissen sind. Nachwehen der Romantik. Am 26. Mai 1828 steht in den Straßen von Nürnberg Kasper Hauser. Was ist das, was in uns lügt, mordet und stiehlt. Büchner hat die zwei Gutachten des Psychiaters Dr. Clarus über
Woyzeck gelesen. Clarus weigerte sich zweimal an seiner Zurechnungsfähigkeit zu zweifeln. Clarus präsentiert einer sittlich gefestigten Gesellschaft anhand von Woyzeck, wohin „Arbeitsscheu, Spiel, Trunksucht, ungesetzmäßige Befriedigung der Geschlechtslust und schlechte Gesellschaft“ führen. Zu sieben Messerstichen in die Brust der Woostin und dann zur Guillotine. Er veröffentlicht alles als Sonderdruck. 180 Jahre nach dem Tod des Perückenmachers Woyzeck und 168 Jahre nach dem Tod der Dramengestalt Woyzeck und ihres Chronisten Büchner. Eine herausfordernde Distanz von drei bis vier aneinander gereihten Menschenleben.

Kai Tuchmann, geb. 01.06.1980
Nach seinem Zivildienst und Arbeit als Stationshilfe im „Westfälischen Zentrum für Psychiatrie“, einer Dozentur für Psychologie und Philosophie an der Dortmunder VhS studiert Kai Tuchmann seit 2001 Schauspielregie an der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch".
Er inszenierte am Stadttheater Brandenburg, Maxim-Gorki-Theater (Berlin), bat (Berlin); darunter: „Gespenster“, „Macbeth“, „Der Sturm“, „Orestie“ (Ruhrfestspiele 2005)

 

Schneidet mir die Zunge ab
reißt mir die Haare raus
hackt mir die Glieder ab
nun meine Liebe die lasst mir
lieber würde ich meine Beine verliern
meine Zähne gezogen bekommen
ausgestochen die Augen
als sie zu verliern meine Liebe

(Sarah Kane, sämtliche Stücke, rowohlt 2002, 4.48 Psychose)